24.09.2008 / LVZ - Leipziger Volkszeitung
Kategorie: Leipzig
 
 
 
Inhalt:
„Wir sind immer sehr ungerecht“ 

Norweger und Europäer in Werk und Wirkung:

Sechster Edvard-Grieg-Kongress in Leipzig

Der Präsident der internationalen Edvard-Grieg-Gesellschaft Patrick Dinslage zitiert zur Eröffnung Ravel „Ja, das ist wahr. Wir sind immer sehr ungerecht im Umgang mit Grieg.“ Die Äußerung, so lapidar sie auch sein mag, fand in den vergangenen Leipziger Tagen erneut vielfach Bestätigung. Der so oft unterschätzte Einfluss des großen Norwegers in Europa war seit Freitag zentrales Thema des sechsten Deutschen Edvard-Grieg-Kongresses. Zu der Ansage „Edvard-Grieg. Norweger und Europäer in Werk und Wirkung“ kam ein gutes Dutzend Wissenschaftler nicht nur von unserem Kontinent in der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn-Bartholdy“ und im Museum für Musikinstrumente der Universität zusammen – und ins Gespräch. Und spürte dabei auch den vielfältigen Faktoren und Möglichkeiten der modernen Musikstadt nach. Zum zweiten Mal findet ein Deutscher Grieg-Kongress in Leipzig statt; zum ersten Mal, seit es die Edvard-Grieg-Gedenk- und Begegnungsstätte in der Talstraße gibt. Und so hört man aus aller Mund Lob. Lob für die Musikstadt und immer wieder für das unermüdliche Engagement von Hella Brock, 88, Präsidentin der Edvard-Grieg-Gedenk- und Begegnungsstätte, und das, was sie für die Wahrnehmung Edvard Griegs in Leipzig erreicht hat.Auch ein Arbeitsergebnis wie die Buchpremiere des neuen Edvard-Grieg Werkverzeichnisses ist keinesfalls alltäglich; am Sonntagnachmittag erblickte das von Kristi Grinde und Oyvind Norheim herausgegebene Werk das Licht der Öffentlichkeit.Einer der Teilnehmer des Kongresses, Nils Grinde aus Oslo wird eingeführt als jemand, der bisher keine derartige Tagung versäumt hat. Aber Leipzig und den Einsatz Brocks kennt und schätzt der Norweger weit länger: seit 1984. Das Konferenzthema hält er für sehr wichtig und weist im Gespräch beispielhaft auf Griegs Einflüsse auf das deutsche wie das französische Lied hin. Die Positionierung Griegs als Norweger in Europa und als Europäer in Norwegen faszinieren den renommierten Musikforscher. Brock betont in ihren eröffnenden Worten, dass es an der Zeit gewesen sei, nach so vielen dem Werk und der Biographie des Meisters gewidmeten Treffen endlich die Grieg-Rezeption zum Gegenstand zu machen. Und so ist die Veranstaltung unterm Strich weit mehr als eine Zusammenkunft alter Bekannter. Kulturbürgermeister Georg Girardet geht in seinen Grußworten auf die großen Vorzüge ein, die EU-Osterweiterung und Erleichterung der Reisebestimmungen gebracht hätten. In der Tat ist es erstaunlich, welche Musikkulturen hier ihre Beeinflussung durch Grieg beschreiben. Auch Grinde zeigt sich beeindruckt.Der immer noch unterschätzte Meister: Bei einem Konzert wie der in den Kongress integrierten Klaviermatinee Rune Alvers wird nur zu deutlich, dass das nicht nur ein unter in ihren Gegenstand verliebten Wissenschaftlern funktionalisierendes Bonmot ist: Die Wiederentdeckung der g-moll-Ballade mit dem tief schürfenden Ausdruck ihrer Variationen ist gerade auch für den Nicht-Grieg-Experten eine Entdeckung. Hauptsache, ein Spezialist sitzt am Klavier.                                                          Tatjana Böhme-Mehner

 

 

Bildunterschrift:

Gegenstand eines Kongresses: Edvard Grieg (1843-1907).