Auf Spurensuche nach Edvard Grieg 

Norwegischer Komponist wohnte als Student in Dresdner Straße – selbst vielen Musikwissenschaftlern ist das unbekannt 

Sie ist seit zehn Jahren Präsidentin der Edvard Grieg-Gedenk- und Begegnungsstätte. Die 88-jährige Hella Brock organisiert den 6. Deutschen Edvard Grieg Kongress in Leipzig, der am Freitag beginnt. Für die LVZ hat sie sich auf Spurensuche nach dem Haus begeben, in welchem der norwegische Komponist einst in Leipzig lebte.  

Leipziger Geschichte(n) 

Vergeblich sucht der Griegfreund in alten und neuen biografischen Berichten über Edvard Grieg (1843-1907) nach der Straße, in der der junge Norweger in Leipzig als Student des Konservatoriums gewohnt hat. Lange Zeit waren die Inskriptionsregister mit den Adressen der Studenten des Konservatoriums im Archiv seiner Nachfolgeinstitution, der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, nicht zugänglich. Doch vor einiger Zeit hielt ich sie tatsächlich in den Händen - welche Freude! Ich erfuhr: Griegs Vater, der Bergener Kaufmann und englische Konsul Alexander Grieg, hatte im Jahre 1858 für seinen begabten Sohn ein Zimmer in der Dresdner Straße 27 aussuchen lassen. Edvard wohnte hier als Untermieter bei einer Frau Bochmann, der Gattin eines Postangestellten. Voller Vorfreude und klopfenden Herzens eilte ich, vom Grassi-Museum kommend, die Dresdner Straße entlang, auf ihrer linken Seite mit den ungeraden Hausnummern. Die Nummerngestaltung einiger alter ehrwürdiger Häuser lässt erkennen, dass die Nummerierung offensichtlich noch aus Griegs Zeit stammt. Vorbei an Nr. 19, 21, 23, 25... jetzt musste das Haus Nr. 27 mit Edvard Griegs Studentenzimmer kommen!Doch welche Enttäuschung – gerade hier wird die Häuserreihe durch die Ludwig-Erhard-Straße unterbrochen. Ich überquerte sie und gelangte auf der gegenüber liegenden Straßenseite zu dem Flachbau des Fahrradgeschäftes Preisser bikes and boards. Ich stürmte in das Geschäft und fragte, ob dies die Nr. 27 der Dresdner Straße sei – Verneinung: das Geschäft habe die Nr. 1 der Gabelsberger Straße, der auf die Ludwig-Erhard-Straße folgenden Querstraße. Ich bat, den Inhaber Leander Naumann sprechen zu dürfen.Dies gelang, obwohl gerade zahlreiche Kunden anwesend waren. Ich berichtete Naumann, dass ich nach dem Haus Nr. 27 suche, in dem ein später berühmt gewordener Komponist als Student gewohnt habe. „Ja, dort wohnte Edvard Grieg!“ war seine Antwort!Die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der er diese Worte sprach, nahm mir fast den Atem. Hier teilte ein Fahrradexperte das mit, wonach Griegbiographen aus Norwegen und Deutschland seit Jahrzehnten vergeblich geforscht hatten.Naumann sagte, er selbst sei gar nicht aktiv musikalisch tätig. Aber immerhin erfuhr ich, dass er in der Jugend ein wenig Trompete musizierte. Ihm war noch in besonders unangenehmer Erinnerung, dass eines Tages der Giebel des großen Nachbarhauses Nr. 27, in dem Grieg gewohnt hatte, mit einem furchtbaren Knall  auf das Dach des Fahrradladens stürzte.Dennoch hätte sich Herr Naumann gewünscht, dass das baufällige, ehemals jedoch schöne Gebäude, das 1988 abgerissen wurde, noch hätte gerettet werden können.Er schenkte mir auch ein kleines Foto des Hauses, Zeugnis seiner Erinnerung.Und damit erlebte ich die zweite große Überraschung: Naumann wusste nicht nur seit langer Zeit, dass in diesem Haus Edvard Grieg gewohnt hatte, ihm war das seinerzeit stattliche, jetzt nicht mehr existierende Gebäude auch als ehemaliges Café Petit bekannt. Weder das Inskriptionsregister des Konservatoriums noch andere biografische Quellen hatten dies berichtet. Auch der Artikel von Helmut Richter in den Leipziger Blättern Nr. 13 aus dem Jahr 1988 mit dem Bild des Cafés Petit widmet sich ausschließlich dem Problem verantwortungsvoller Erbepflege im Bereich der Architektur.Hätte der allmähliche Verfall und Abriss des ehemals prächtigen Hauses verhindert werden können, wenn die verantwortlichen Behörden gewusst hätten, dass in ihm der später weltberühmte norwegische Komponist als Leipziger Student gewohnt hat?Griegs Vater hatte für seinen Sohn ein Studentenzimmer in einem prächtigen Gebäude gemietet, das 1840 für den Konditor Carl Hermann Felsche im Stil der italienische Palazzo-Architektur errichtet worden war. Es wies Ähnlichkeiten mit dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten berühmten Café francais/ Café Felsche am Anfang der Grimmaischen Straße auf, das in Kürze einen Nachfolger erhält.Der junge Grieg hat von seinem Studentenzimmer auf geradem Weg, entlang der teils von stattlichen Häusern, teils von Bäumen umsäumten Dresdner Straße, über den Augustusplatz und die Grimmaische Straße bis zum Konservatorium am Naschmarkt gelangen können.

Die Teilnehmer des 6. Deutschen Edvard Grieg Kongresses, der vom 19. bis 21. September in Leipzig stattfindet, werden mindestens einen Teil dieses Weges gehen, etwa vom Instrumentenmuseum bis zum Gewandhaus. Und sie werden endlich erfahren, wo Grieg als Student in Leipzig gewohnt hat.                            Hella Brock

Bildunterschriften:

Das Café Petit – hier lebte der norwegische Komponist Edvard Grieg während seiner Studentenzeit in Leipzig – ist inzwischen abgerissen. Sein Wohnsitz war selbst für die meisten Musikwissenschaftler unbekannt.                                                Foto: Stadt Leipzig  

Eine Statue von Edvard Grieg steht vor seinem ehemaligen Wohnhaus im norwegischen Troldhaugen bei Bergen.