Eigentlich ist das Haus noch nicht fertig. Im Treppenhaus, im Durchgang, selbst im Erdgeschoss sind noch die Handwerker bei der Arbeit. Die Sanierung des Hauses Talstraße 10 dauert eben doch ein wenig länger, als es sich die Mitglieder des Vereins „Edvard Grieg - Gedenk- und Begegnungsstätte Leipzig“ e. V. erhofft hatten. Aber am 7. November luden sie trotzdem über Nacht zur feierlichen Eröffnung ein.
„Das war eine einmalige Chance“, sagt Norbert Molkenbur, der die Arbeit des Vereins seit sieben Jahren vorantreibt. „Denn an diesem Tag war der norwegische Botschafter, Bjorn Tore Godal, in Leipzig, um den neuen Konsul in sein Amt einzuführen. Diese Chance, die Gedenkstätte mit ganz großem Bahnhof zu eröffnen, mussten wir nutzen. Wer weiß, wann der Botschafter das nächste Mal nach Leipzig kommt.“ Gründe hat er eigentlich genug, denn mit der neuen Gedenkstätte wird der wichtigste norwegische Komponist gewürdigt.
Mit Leipzig verbindet Grieg eine Menge. Denn schon als 15jähriger kam der begabte Norweger 1858 nach Leipzig, um am Konservatorium für Musik zu studieren, das ja nur wenige Jahre zuvor von Felix Mendelssohn Bartholdy gegründet worden war. Einer seiner Lehrer war Carl Reinecke, der just in Griegs Leipziger Studienzeit zum Gewandhauskapellmeister berufen wurde. Die Beziehungen zur Talstraße erwuchsen aus den ersten Kontakten Griegs zum Musikverlag C. F. Peters zum Ende des Studiums 1862, als der Norweger dem weltbekannten Verlag seine frühen Kompositionen zum Druck anbot.
Für den Verlagsleiter Max Abraham eine Entdeckung, die dazu führte, das Griegs kompositorisches Werk später im Musikverlag C. F. Peters seine Heimstadt fand und der Komponist ab 1876 regelmäßig im Verlagshaus einkehrte und übernachtete. Das Verlagshaus ist ab 1874 just jenes eindrucksvolle Gebäude an der Ecke Talstraße/An der Verfassungslinde, das Max Abraham von Otto Brückwald, dem Baumeister des Bayreuther Festspielhauses errichten ließ, ein Haus, das die Verlagsarbeit im Erdgeschoss eindrucksvoll mit bürgerlichem Wohnambiente in den Obergeschossen verband und in dem der Verlag bis in die 1990er Jahre zu Hause war. Heute gibt es nur noch eine kleine Verlagsdependance von C. F. Peters in Leipzig, der Hauptsitz ist in Frankfurt/Main. Das Interesse des Musikverlages, sich wie bis 1945 opulent in Leipzig einzurichten, war also recht gering.
Norbert Molkenbur, langjähriger Leiter des (ostdeutschen) Verlagsteils, musste manche Zitterpartie erleben, bis sich ein Käufer und Investor für das attraktive Gebäude fand und für die neue Nutzung einen finanzierbaren Mix aus Büros, Wohnungen und Platz für eine kleine Gedenkstätte fand. Die Gedenkstätte befindet sich im Obergeschoss im nordöstlichen Teil der einst zwölf Zimmer umfassenden Verlegerwohnung von Max Abraham und seinem Nachfolger Henri Hinrichsen. Zentraler Punkt ist der historische Musiksalon, in dem die beiden Verleger einst zu Kammerkonzerten eingeladen haben. Die Holztäfelung ist noch in originaler Schönheit erhalten. Die Tapete wurde stilecht aus England bestellt. Auch die Beleuchtung mit Dutzenden elektrischer Leuchten in der Decke entspricht dem Originalzustand um 1905. Der Kamin ist - ganz historisch - Attrappe.
Es gibt wenige Räume in Leipzig, die in so originalem Ambiente den Zeitgeist des bürgerlichen und kunstliebenden Lebens vor 100 Jahren so lebendig erhalten haben. „Natürlich“, sagt Norbert Molkenbur, „ist das ein herrlicher Raum, um auch wieder kleine Konzerte zu veranstalten. Das ist besonders spannend, wenn man sich vergegenwärtigt, dass hier auch Edvard Grieg am Klavier saß und aus seinen Kompositionen spielte.“
Vorstellbar ist auch, dass ihn Nina Grieg, geborene Hagerup und eine bekannte Sängerin, bei diesen Konzerten begleitete. Was nicht zu besichtigen ist, sind die Wohnräume, in denen die Griegs übernachteten. Die lagen unterm Dach und wurden in den Jahren mangelhafter Sanierung von der Witterung in Mitleidenschaft gezogen. Eine kleine Ausstellung zu Leben und Werk Edvard Griegs kann schon jetzt besichtigt werden. Aber nur nach Anmeldung, betont Norbert Molkenbur.
Denn die Eröffnung war eben doch ein wenig früh. Der Fußboden muss noch behandelt werden. Die Bestuhlung im Konzertsaal ist auch noch nicht sehr stilgetreu. Und die Grieg-Informationen in den Vorräumen sollen noch um Wissenswertes zu Max Abraham, Henri Hinrichsen und dem Musikverlag C. F. Peters ergänzt werden, der vor 100 Jahren wohl der renommierteste Musikverlag Europas war.
Die Eingriffe der Nationalsozialisten und die Ermordung Henri Hinrichsens im KZ beendeten praktisch das Kapitel. Die deutsche Teilung sorgte endgültig dafür, diese große Verlagsgeschichte für Leipzig zu nivellieren.
Die neue Grieg-Gedenkstätte wird einen kleinen Einblick geben in das, was da verloren ging. Es wird regelmäßig - neben den Konzerten - auch Informationsveranstaltungen geben. Der Grieg-Verein hat in den Räumen eine neue Heimstatt gefunden. Auch die Deutsch-Norwegische Freundschaftsgesellschaft will regelmäßig im Haus gastieren. Nur die richtige, endgültige Eröffnung muss noch ein wenig warten, wird wohl erst Anfang 2006 stattfinden. Noch werkeln im ganzen Haus die Handwerker. Dafür erinnern seit dem 7. November zwei Gedenktafeln an der schmiedeeisernen Einfahrt an die Geschichte des Hauses.